Sozialkundeunterricht an Waldorfschulen
Gesichtspunkte und Leitmotive zum Unterricht


 

Sozialkunde ist Teil des Unterrichtsgegenstandes Geschichte. Der Lehrstoff für Geschichte enthält an zahlreichen Stellen Angaben über sozialkundliche Lehrstoffe, die bewusst in die Darstellung der Epochen und Längsschnitte integriert werden, d. h. anhand geschichtlicher Problemlagen wird der Gegenstand "Sozialkunde“ für die 12. Schulstufe vorbereitet; dessen besondere Aufgabe ist es, soziale Entwicklungen aus anderen als historischen Blickwinkeln erfassen, geschichtliche und gegenwärtige politische Prozesse in einen umfassenden Zusammenhang stellen zu lernen.

Soziale Bildung ist nicht allein als ein Fach zu begreifen; sozialkundliche Bildungsvorgänge sind in Gruppenarbeiten, Klassensituationen und Projektarbeiten praktisch zu üben, als emotionale und vilitive Erfahrungen zu vermitteln. Soziale und politische Bildung ist als pädagogisches Anliegen daher von der 1. Klasse an im Bildungsgeschehen integriert und wird in der Oberstufe bewusst thematisiert.

Um politische Bildung erlebbar zu machen, bilden in Gruppen bearbeitete Fälle (z. B. ein Verfahren vor dem Verfassungsgerichtshof, eine Kollektivvertragsverhandlung), Interpretationen von Opern (z. B. die "Entführung aus dem Serail“, "Figaro“, "Fidelio“) und Dramen (z. B. "Heinrich V.“, "Don Carlos“, Dantons Tod“, Biedermann und die Brandstifter), ein aktueller Gesetzesantrag vor dem Parlament und Exkursionen (z. B. Parlament, Gerichte) die Ausgangspunkte für die Behandlung des Stoffes. Demokratie ist nicht nur als Struktur und Ergebnis politischer Arbeit, sondern auch als ein Prozess mit Bedingungen und Spielregeln zu begreifen.

An verschiedenen Waldorfschulen wird Sozialkunde in einer wöchentlichen Fachstunde ab der 9. Schulstufe unterrichtet.
 

Mögliche Unterrichtsinhalte

Dem Lehrer ist die Aufgabe gestellt, für die jeweilige Klasse und ihre Situation aus dem möglichen den passenden Stoff auszuwählen, d. h., die (europäische) Staats-, Rechts- und Wirtschaftsentwicklung von der Französischen Revolution und der Aufklärung an bis zum modernen Wohlfahrtsstaat als Repertoire zu benützen; er sollte mit den Schülern gemeinsam die Wahl treffen. Die Verbindung von Politik - Recht - Wirtschaft - Gesellschaft ist zu beachten. Aktuelle Bezüge werden die Auswahl erleichtern (z. B. die Wende 1989 - Revolutionen; Golfkrieg - Entwicklung des Völkerrechtes, insbesondere des Kriegsrechtes - Friedensrecht und Friedenspolitik). Entscheidend ist, dass die gesamte soziale Entwicklung - nicht Einzelsichten wie Institutionengeschichte oder Verfassungsstrukturen - ins Blickfeld rückt, dass methodisch-institutionelle und funktionale Ansätze und Bezüge erkennbar werden.

Sozialwissenschaftliche Techniken und Medien sind in einen Zusammenhang mit dem Stoff zu setzen und zu üben (z. B. Befragungen - Interviews; Textsorten wie Protokolle, Arbeitspapiere, Parlamentsreden, politische Vorträge; Diskussionsformen; Reportagen, Hintergrundartikel, Pressekonferenzen).

Der Unterricht hat in jedem Fall Kenntnisse über die wesentlichen sozialkundlichen Inhalte des Heimatlandes zu vermitteln.

aus: Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele einer Freien Waldorfschule, Tobias Richter