Informatik
Computerunterricht in der Waldorfschule?
Ein Lehrplanentwurf aus Norwegen (G. Straub)

 

 In der Waldorfschule in Stavanger hat man auf Grundlage der Gedanken, die diesem und im vorigen Beitrag skizziert wurden, ein Unterrichtskonzept entwickelt, welches nun vom norwegischen Bund der Freien Waldorfschulen empfohlen wird. Das Ziel des Unterrichtes ist, dem Schüler ein generelles Verständnis zu vermitteln, genauso wie heute jeder Autofahrer ein generelles Verständnis vom Motor hat, ohne deshalb Automechaniker oder gar Ingenieur sein zu müssen. Es ist nicht genug, dass der junge Mensch gut mit dem Computer zurecht kommt: der Computer wird in Stavanger weniger als Werkzeug benutzt, sondern er wird erforscht. 

 12.Klasse

 In der großen Welt, in der Welt außerhalb der Schule, stehen die Computer selten für sich allein, als einsame PCs. In der Regel sind sie eingebunden in Netze. Sie steuern andere Maschinen, sie messen und regulieren, sie lesen Strichcodes, suchen in Datenbanken, die vielleicht an einem ganz anderem Ort der Welt stehen, sie überweisen Geld von einer Bank zu einer anderen oder sortieren Briefe bei der Post. Unser Unterrichtsmodell versucht daher, etwas davon in Miniatur nachzuahmen. Dieses geschieht am Ende der Schulzeit, in der 12.Klasse. Natürlich können Achtzehnjährige nicht Ingenieure werden, aber mit Hilfe des Lehrers kann man z. B. einen Strichcode-Leser aus einem lichtempfindlichen Widerstand bauen und ein Programm schreiben, das den Hell-Dunkel-Wechsel registriert und interpretiert. Oder man kann ein Thermometer aus einem wärmeempfindlichen Widerstand bauen, und ein Programm schreiben, welches eine Kurve über den Temperaturverlauf aufzeichnet oder vielleicht einen Ofen einschaltet. Eine beliebte Aufgabe ist auch, einen primitiven Joystick zu basteln, mit dem man auf dem Bildschirm zeichnen kann.

  Dies sind ein paar Beispiele, die zeigen, wie man in der 12.Klasse eigene Hardware und selbst geschriebene Software miteinander integrieren kann. Ein Schüler, der dies gemacht hat, darf zu sich sagen: was hier geschieht, ist das gleiche, was geschieht, wenn Computer Ampeln steuern, wenn man mit seiner Kreditkarte dem Geldautomaten Geld entnimmt oder wenn der Mikroprozessor die Waschmaschine steuert.

 In dieser Klasse, am Ende der Waldorferziehung, sollte man auch Fragen der Intelligenz, des Verstehens, des Denkens diskutieren. Wie verstehen wir eigentlich Sinn? Manche Menschen empfinden es als anstößig und doch sollte die Frage diskutiert werden: versteht ein Computer Inhalt? Wird er das einmal können? Das ist die zentrale, die eigentliche Frage, die die Menschheit in diesen Jahren vor dem Übergang zum dem neuen Jahrtausend zu beantworten hat - siehe erster Beitrag zu diesem Thema - und das Ziel in der Waldorferziehung sollte sein, diese Fragestellungen einmal aufzuwerfen. Beantworten muss sie selbstverständlich jeder Schüler selbst.

 Natürlich muss erst die Erfahrungsgrundlage für eine solche Diskussion geschaffen werden. Man kann ja nicht einfach nur über diese Dinge seine Meinungen haben. Persönliche Auffassungen müssen aus der konkreten, äußeren Erfahrung entwickelt werden. Das pädagogische Ziel der 12.Klasse  die Frage nach dem spezifisch menschlichem im Denken  muss daher in den unteren Klassen vorbereitet werden. Deshalb lehren wir in der 11. Klasse die Grundlagen der Digitaltechnik: 

11.Klasse

Das Thema der 11.Klasse ist die digitale Elektronik.

Bevor der Schüler in der 12.Klasse Hardware bauen und dazu passende Software schreiben kann, muss die digitale Elektronik gelernt werden. Auch hier muß wieder gesagt werden: ein Schüler kann nicht im Laufe von ein paar Stunden Ingenieur werden. Man kann sich aber durchaus einige Grundlagen der digitalen Elektronik erarbeiten und elektronische Schaltungen bauen, wie sie der Computer enthält. Bei uns bauen die Schüler logische Kreise mit Hilfe einfacher, sogenannter AND-, OR- und NOT-Komponenten, den kleinsten �Bausteinen� der Mikroprozessoren.

  In der 11.Klasse kann man damit z. B. einfache Rechenmaschinen bauen.

  Hierzu muss man ein paar Grundkenntnisse digitaler Logik haben. Die Grundlage dazu wird in der Regel im Mathematikunterricht in der 9.Klasse gelegt. Da wird das binäre, duale Zahlensystem besprochen.

 Wenn die Schüler ein solches Projekt durchgeführt haben - übrigens ganz ohne jeglichen Computer - dann wird Theorie relevant und man versteht die Praxis. Der mystische Computer verliert etwas von dem total Unbegreiflichen. Jeder Mikroprozessor funktioniert nach diesen Gesetzen, nur schneller, nur komplexer. Computerspeicher, das Rechnen, die Tastatur - alles fußt auf den Prinzipien, welche die Schüler in Unterricht der 11.Klasse beherrschen lernen.

 Nach unserer Erfahrung verstehen sogar weniger begabte Schüler gerade die Digitaltechnik sehr gut und können sich oft wirklich dafür begeistern. Das muß damit zusammenhängen, dass man in dem Alter in dem man im Unterricht auch in anderen Gebieten ganz in das Tote heruntersteigt (Atommodelle, Formelschrift, Radioaktivität usw.) gewissermassen den Nagel auf den Kopf trifft: wir kommen der Sache ganz auf den Grund. 

10.Klasse

 Bevor in der 11.Klasse eigene Hardware gebaut wird, wird nach dem norwegischen Modell in der 10.Klasse gelernt zu programmieren: es ist ja die Hardware, welche die Programme ausführen soll, es liegt deshalb nahe, erst einmal das Programmieren zu lernen, damit man in der 11.Klasse der Hardware nachgehen kann.

 Die Schüler programmieren einfache Datenbanken, sehr einfache Rechenprogramme und Grafik, Programme, mit denen Text manipuliert werden kann. Natürlich erleben sie rasch, dass fertig gekaufte Programme besser sind. Aber nun erfahren sie mit Leib und Seele, wie der Programmierer denken muss, damit der Computer ihn versteht. Jede Aufgabe, jedes Problem muss in logische Schritte aufgeteilt werden, man muss sich fragen, welche Inhalte dem Computer mitgeteilt werden müssen, damit er weiterkommt, man muss Bedingungen verstehen und formulieren können, die richtige Reihenfolge einhalten usw. Auch wenn einem die Welt des Programmierers kalt erscheinen kann: es ist eine gute Übung und ein notwendiger Schritt, wenn wir Herren über die Technik werden wollen.

 Man muss es selber gemacht haben. Programmieren muss erfahren werden. Und gerade weil wir gute Computerprogramme in der 9.Klasse kennen gelernt haben, sind die Schüler auch motiviert, das Programmieren kennen zulernen. 

 9.Klasse

 In der 9.Klasse lernt man die Welt des Computers erst einmal kennen. Warum sollte man sich für Digitaltechnik (11.Klasse) oder für das Interagieren zwischen Mensch und Maschine (12.Klasse) interessieren, wenn man nicht gewöhnlichen Umgang mit Computern selbst einmal erfahren hätte? Warum sollte man ein Kalkulationsprogramm selber schreiben wollen, wenn man nicht erlebt hätte, wie z.B. Excel funktioniert?

  Manche Menschen werden davon abgeschreckt, den Neuntklässler auf Computer loszulassen: sollte man nicht in der Waldorfschule lieber nur �seriösen� Unterricht geben und den Computer erst einmal richtig erklären bevor man ihn benutzt? Diese Haltung hat  nach der unserer Auffassung einer gesunden Entwickelung waldörflicher Praxis im Wege gestanden.

 Aber führen wir nicht auch die Chemie auf die Art und Weise ein, dass wir sie erst einmal richtig erleben? In der 7. Klasse brennen wir erstmal verschiedene Materialien, lernen die Verwandlung durch das Feuer in der Praxis kennen. Kein Wort der Erklärung, keine Formel, keine Modelle von chemischen Verbindungen mit dem Oxygen. Sollten wir mit der Chemie warten, bis die Kinder reif sind Formeln und Atommodelle zu verstehen? Nicht in der Waldorfschule. Hier steht die Lebenskunde, die Erfahrung am Anfang. Erst schafft man Sicherheit und schafft Grundlagen.

  Desgleichen machen wir mit dem Computer. Das Thema für die norwegischen Neuntklässler ist: was kann ein Computer eigentlich so alles machen? Die eigene Erfahrung steht im Vordergrund: es muss Lebenskunde werden. Die Urteile, die wir in der 12.Klasse oder später im Leben vielleicht fällen, können, wollen, müssen auf Erfahrungen gegründet sein, damit sie keine �Vorurteile� werden.

  Die Programme welche bei uns kennen gelernt werden, sind Schreibprogramme (Word), Tabellenkalkulation (Excel), vielleicht ein Zeichenprogramm und natürlich Datenkommunikation mit dem Internet. Wir Lehrer, die noch mit mechanischen Schreibmaschinen aufgewachsen sind, erleben wie grundlegend anders ein Textprogramm mit allen seinen Möglichkeiten ist. Man kann kopieren und ändern, man kann die Maschine Buchstabierfehler finden lassen, Seitenzahlen automatisch einsetzen, automatisch einen Index oder ein Inhaltsverzeichnis erstellen oder Schriftarten wählen usw. Der Schüler braucht nicht routinierter Benutzer zu werden, er soll aber die spezifischen Möglichkeiten des Computers erleben und lernen zu nutzen.

  In der 9. Klasse soll das Internet mit seinem World Wide Web kennen gelernt werden, sie lernen häufig eigene Homepages zu machen (HTML-Sprache) oder sie lernen das Briefeschreiben per Email: in Sekundenschnelle über den ganzen Erdball, ohne Papier, ohne Flugzeuge, Boote, Treibstoff oder ähnliches.

  Wir finden auch, dass Schüler den richtigen Umgang mit der Tastatur lernen sollten, das blinde Schreiben mit zehn Fingern. Natürlich werden sie keine Weltmeister in ein paar wenigen Stunden. Aber die Schule sollte jedenfalls gezeigt haben, wie man es macht, wie man es weiter lernen und üben kann, damit unsere Schüler nicht mit schlechten Gewohnheiten in die Welt herausgehen (oder damit sie jedenfalls wissen, dass es schlechte Gewohnheiten sind!).

  Manchmal werden in der 9.Klasse auch Computer auseinander genommen und wieder zusammengesetzt. Wenn man einmal erklärt bekommen hat, was die einzelnen Komponenten für Aufgaben haben, sie zusammensetzt und sie funktionieren wieder - fühlt man sich schon etwas sicherer in der Welt und eines Tages hat man womöglich etwas weniger Angst, wenn die Maus oder die Grafikkarte im heimischen Computer ausgewechselt werden müssen.

  Selbstverständlich wird auch der einfache Umgang mit dem Betriebssystem geübt: was ist DOS, oder Windows, Unix oder Linux? Wie kopiert man? Was ist ein Verzeichnis im Vergleich zu einer Datei? Wie liegen eigentlich unsere Daten - auf der Festplatte oder Diskette? 

 

 Zusammenfassung

 Wir hoffen und meinen, dass der beschriebene Lehrplan die Schüler selbstsicherer macht im Umgang mit moderner Computertechnik. Wir hoffen, dass er eine nachdenkliche Haltung schafft. Die Computertechnik ist in die Welt gekommen, und wird nicht mehr wegzudenken sein - wofür wir dankbar sein sollten! Wir sollten als Lernende aber nicht nur Benutzer dieses Werkzeuges werden, «intelligente Idioten» bleiben, sondern über dieses Zeitphänomen auch nachdenken, und dafür sollte man die Grundlagen durch den Waldorfunterricht schaffen. Dann können wir vielleicht als Erwachsene das Werkzeug zur Befreiung von der Routine in unseren Dienst stellen.

  Solange wir in der Schule, besonders in den kleineren Klassen (in Norwegen gibt es Bestrebungen, den Computer im Kindergarten einzuführen!) aber nur alle unterhaltende Mikro-, Giga-, Mega- und Multimediaspielzeuge in den Unterricht einführen um zu «lernen» und weil der Unterricht dann «ebenso spannend wird wie �Invaders from Mars�», muss man sich fragen, ob wir dann nicht die Kinder von der Industrie formen lassen, wo wir doch eigentlich die Technik gemäß den menschlichen Bedürfnissen formen lassen wollen. 
 

Gottfried Straube  Sundtagårdsveien 14 A N - 4017 Stavanger  
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