Der Unterricht der Oberstufe baut natürlich auf den in der Unterstufe erworbenen Grundfertigkeiten auf, steht jedoch nun ganz unter dem großen Motto: "Jeder Unterricht muss Lebenskunde sein." - Die im Werkunterricht auszuführenden Arbeiten sollen sowohl für die Entwicklung des jungen Menschen, wie auch für die Gesellschaft Bedeutung haben...
Dem Holz begegnet der Schüler jetzt nicht mehr als phantasieanregendem Gestaltungsmaterial, sondern als mehr technischem Werkstoff. Durch die Lebendigkeit des gewachsenen Holzes gibt es Verarbeitungsprobleme. Der Schüler steht zwischen seinem eigenen Gestaltungswillen und seinen Vorstellungen einerseits und den spezifischen Holzeigenschaften andererseits. Diese in Einklang zu bringen und die Gesetzmäßigkeiten von Material und Arbeitstechniken kennen und anwenden zu lernen, ermöglichen die klassischen Holzverbindungen, bei denen sowohl Formgebung und Exaktheit der Werkstücke als auch die Holzeigentümlichkeiten berücksichtigt werden.
Gesichtspunkte und Leitmotive zum Unterricht
Klassenstufe 9:
- Anhand von Wandregalen, Deckelkästen etc. werden maßhaltige Arbeitsvorgänge geübt und selbst kontrolliert. Die Endgültigkeit von spanabhebender Arbeit gehört zu wichtigen erzieherischen Erlebnissen.
- Das bewusste Wiederholen bestimmter Bearbeitungstechniken (z. B. Hobeln, Sägen) stärkt die Willenskraft.
Klassenstufe 10 und 11:
- Das Erweitern und Vertiefen der begonnenen Arbeitstechniken verlangt nun größere Präzision durch Übung sowie ein selbständiges Umsetzen der Arbeitsanweisungen.
- Holzverbindungen, wie Schlitz und Zapfen, Zinken, Graten usw. werden angewendet und verlangen fachgerechte, exakte Durchführung. Elektrische Handmaschinen werden eingeführt und deren sachgerechte Benutzung erlernt.
- Bei der Möbelgestaltung sollen künstlerische Gesichtspunkte entwickelt werden, aber auch konstruktive Vorstellungen in gegliederte Arbeitsprozesse zerlegt werden, welche dann zu einem zusammengesetzten Werkstück führen.
- Das konstruktive Zusammensetzen vorgefertigter Teile gehört dazu, z. B. eine Tür in einen Korpus einpassen.
Klassenstufe 12:
Ergibt sich die Möglichkeit, sogar in der 12. Klasse das Tischlern fortzuführen, wie es z. B. von Rudolf Steiner angegeben wurde, so sollten jetzt eigene Entwürfe von Möbeln mit Hilfe von technischen Zeichnungen und Detailskizzen verwirklicht werden. Künstlerische Gestaltung, Form und Funktion sollen zusammengeführt und statische Verhältnisse ästhetisch sichtbar werden. Nun kann auch eine exakte Kostenberechnung durchgeführt werden.
Je nach fachlicher Voraussetzung und Kompetenz des Werklehrers können selbstverständlich auch andere Schwerpunkte im holzbearbeitenden Werkunterricht der Oberstufe gesetzt werden, wie z. B. Instrumentenbau oder Bootsbau.
Aus: "Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele einer Freien Waldorfschule", Tobias Richter (Hrsg.) Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 1995