Epochen
Landwirtschaftspraktikum, 9. Klasse
Übergeordnete Aspekte und allgemeine Bildungsziele


 

Es ist in zunehmendem Maße ein Gebot der Gegenwart geworden, dem heranwachsenden jungen Menschen schon während der Schulzeit Gelegenheit zu geben, der wirklichen Arbeitswelt zu begegnen und sich in dieser zu bewähren. Namentlich nach der Reifezeit brauchen sowohl Jungen wie Mädchen Erfahrungen und Erlebnisse, die aus dem Umgang und aus der Auseinandersetzung mit konkreten Verhältnissen heutiger Arbeitsvorgänge gewonnen sind.

So erscheint für Neuntklässler ein intensives Eintauchen in das Leben eines Bauernhofes naheliegend und dem Alter entsprechend. In diesem Alter können ja im Menschen besonders stark die Fragen nach allen Lebensvorgängen erwachen: Wie steht der Mensch zur Erde, zur Pflanzenwelt und zu den Tieren, welchen Probleme erwachsen dem Menschen durch die Technik und durch die modernen sozialen Verhältnisse? Kurzum, alle aktuellen Lebensfragen werden neu gestellt und beschäftigen jetzt mehr denn je die erwachenden Bewusstseinskräfte. Verbunden mit einem elementaren Drang, die Glieder kraftvoll einzusetzen, wollen junge Menschen dieses Alters ihren Willen erproben und Aufgaben erfüllen, die Tatkraft und Umsicht, Mut und Geistesgegenwart erfordern. Dazu kommt der gesunde, natürliche Trieb, hinaus in die Natur zu gehen, der in unseren Industriegebieten ohnedies viel zu wenig befriedigt wird.

Die Schüler sollen sich intensiv, nämlich durch konkrete Mitarbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb, mit der Urproduktion, mit der Pflege der Landschaft und der Erde befassen. Während dieser Zeit arbeiten sie einzeln oder in Gruppen auf einem Bauernhof und gewinnen dort – meist erstmalig – Einblick in das Arbeits- und Erwerbsleben in seiner ursprünglichen Form.
Mögliche Erfahrungen und Arbeitsbereiche

Alle Tätigkeiten vom Pflanzen, Jäten, Düngen bis zum Ernten und Lagern kennen lernen sowie anfängliche Erfahrungen in der Tierhaltung und –pflege sowie in der Milchverarbeitung machen und den Bauernhof in vollem Umfang als Organismus erkennen, einschließlich der sozialen Bedingungen. Umgang mit Menschen und Maschinen. Für das Praktikum eignen sich solche Höfe, die biologischen, biologisch-dynamischen oder ökologisch orientierten Landbau betreiben und Jugendlichen gegenüber aufgeschlossen sind. Als "Konrastprogramm" ist ein konventionell geführter Hof bei Gelegenheit auch zu erwägen.
Die Beschreibung des Hofes (Hofchronik), seiner geographischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten sowie der Tagesablauf werden in einem Tagebuch festgehalten, um die bewusstseinsmäßige Verarbeitung der selbstgemachten Erfahrungen zu fördern.

Aus: "Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele einer Freien Waldorfschule", Tobias Richter (Hrsg.) Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 1995
 
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