Die Studienarbeiten an den Waldorfschulen, auch Jahres- oder Halbjahresarbeiten genannt, sind für jeden Zwölftklässler eine große Herausforderung.
Studienarbeiten? Was ist das? Ende der 11., Anfang der 12. Klasse wählt sich jeder Jugendliche "sein" Thema, mit dem er sich dann über Monate beschäftigt. Die Themenwahl ist frei, der Anspruch jedoch definiert: Beiträge aus dem künstlerisch-handwerklichen sowie dem musikalisch-schauspielerischen Bereich, naturwissenschaftlich-technische Arbeiten, aber auch Literarisches sowie gesellschafts- und sozialpolitische Themen können bearbeitet werden, und auch Themen aus dem sozialen Bereich sind möglich. Die Arbeiten werden dann zum Schuljahresende vorgestellt und von den SchülerInnen erläutert. Zu jeder Arbeit gehört ein schriftlicher Teil, aus dem die Motivation für das spezielle Thema, der Entstehungsprozess der Arbeit mit allen seinen Hindernissen und Fährnissen sowie die Entwicklung und die gemachten Erfahrungen hervorgehen. Die Jugendlichen wählen sich einen Mentor, der sie bei diesem Abenteuer so freilassend wie möglich und so eng wie nötig begleitet. Die Themen der Studienarbeiten sind jedes Jahr und von Schule zu Schule unterschiedlich, aber immer wieder überraschend vielfältig. Diese Arbeiten, die ein Teil des "inneren Waldorfschulabschlusses" bilden (im Gegensatz zu den äußeren Abschlüssen wie Realschulabschluss, Fachhochschulreife und Abitur), zeigen den ganz individuellen Einsatz eines jeden einzelnen, eine persönliche Herausforderung, der man sich zu stellen hat. Das Motiv, das der Themenwahl zugrunde liegt, ist oft ebenso vielfältig wie die Themen selbst: Es kann sich um den Wunsch handeln, sein "Hobby" einmal zu vertiefen und von allen Seiten zu beleuchten; ebenso denkbar ist es, sich mit etwas intensiv auseinander zu setzen, was einem schon immer interessiert und bewegt hat, mit dem es bis dahin jedoch noch zu keiner näheren Beschäftigung gekommen war. Nicht zuletzt findet man aber auch Arbeiten, die schon eine Richtung erahnen lassen, in die der Jugendliche später einmal gehen möchte. Durch die konsequente Beschäftigung über solch einen langen Zeitraum mit einem gewählten Thema erlangt der Schüler Qualifikationen, die nicht zu unterschätzen sind: Durchhaltevermögen und Ausdauer, Frustrationstoleranz - denn nicht immer gelingt alles -, Geschicklichkeit, Phantasie und Forschergeist, Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl, Zielgerichtetheit und zu guter Letzt die Fähigkeit der öffentlichen Präsentation. Wenn es dann geschafft ist, denkt man an das Goethe-Wort: "Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet."
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