Übergeordnete Aspekte und allgemeine Unterrichtsziele
Erst wird das Kind beheimatet in der Landschaft und Geschichte seiner Umgebung. Geschichtliche Bilder verlangen schon eine erste historische Zeitvorstellung durch die Heimatkunde in der 4. Klasse. Mit der 5. Klasse beginnt der eigentliche Geschichtsunterricht. Der Blick des Kindes wird nun von seiner Lebensumgebung in die Ferne gelenkt, zeitlich und räumlich. ..Bei diesem Gang erhält der Schüler ein empfindungsmäßiges Bild davon, dass Menschsein Entwicklung bedeutet, dass die Idee des Menschen die ganze Vielfalt der kulturellen Entwicklungsstufen der Menschheit, die ganze Mannigfaltigkeit der in den geschichtlichen Prozessen mitwirkenden Völker umfasst. Dabei ist in diesen Jahren größter Wert darauf zu legen, dass die Inhalte kulturgeschichtlich ausgerichtet sind. 5. Klasse und 6. Klasse Grundlegende geschichtliche Begriffe werden in möglichst bildhafter und lebensvoller Weise eingeführt. Erste Vorstellungen der einzelnen Kulturepochen und ihrer Besonderheiten werden angelegt. Über den Geschichtsunterricht hinaus werden Erzählstoffe der Mythologie dieser Kulturen entnommen. 5. Klasse Die vor- und frühhistorischen Kulturen werden anhand geschichtlicher und mythologischer Stoffe in ihrer charakteristischen Ausprägungen erarbeitet. Betrachtet wird die Entwicklung bis zum Griechentum. 6. Klasse Die griechisch-römische Kultur und ihre Wirkungen im europäischen Raum bis zur Zeit der Kreuzzüge wird behandelt. 7. Klasse und 8. Klasse Die Geschichte wird schwerpunktmäßig fortgesetzt mit einer gesonderten Epoche über Entdeckungen und Erfindungen des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Es folgen die Themen: Reformation, 30jähriger Krieg, Absolutismus, Französische Revolution, Napoleon, Preußen, deutsches Freiheitsstreben, Industrielle Revolution, Reichsgründung, 1. Weltkrieg, Weimarer Republik, 2. Weltkrieg und Nachkriegszeit. Im Mittelpunkt des Unterrichts steht die Erzählung des Lehrers, der sich um möglichst farbige und lebendige, an den geschichtlichen Persönlichkeiten bzw. an den konkreten menschlichen Situationen orientierte Darstellung bemüht. Das Klassengespräch und nicht zuletzt die Darstellung ausführlicher Arbeitsmappen vertiefen das Verständnis und die Kenntnis des Stoffes. 9. Klasse Der Schüler soll zu einem umfassenden Verständnis der Gegenwart geführt werden. Sichere Kenntnisse über den behandelten Stoff und - in zunehmendem Maße - Verständnis und Urteilsfähigkeit für geschichtliche Zusammenhänge und Probleme sollen erworben werden. Wichtige historische Begriffe werden erarbeitet. Wiederholung der Neuzeitgeschichte unter Herausarbeitung der inneren Motive, z. B. der sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Aspekte. Unter anderem wird behandelt: Die absolutistischen Staatenbildungen, das Wirken der Aufklärung, die Französische Revolution, machtpolitische Probleme des 19. Jahrhunderts, Ursachen und Folgen des 1. Weltkrieges und des Nationalsozialismus, der Aufstieg Russlands und der USA zu den beherrschenden Weltmächten, die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland und die Grundrechte. 10. Klasse Der Schüler soll einerseits lernen, das Besondere und Einmalige jeder einzelnen Kultur zu erfassen, verschiedene Regierungsformen, kulturelle Errungenschaften usw. jeweils als Ausdruck ihrer Zeit zu verstehen, andererseits vergleichende Betrachtungen zur Gegenwart anzustellen. Im zweiten Durchgang durch die Geschichte werden de theokratischen Hochkulturen des alten Orients und die Kulturen der Griechen und Römer behandelt. 11. Klasse Eine wichtige Aufgabe ist es, den Boden für ein Verständnis des Parzival-Epos zu schaffen. Der weg, den Parzival geht, ist der Weg des Jugendlichen, der auf der Suche nach sich selbst und einem neuen Verhältnis zur Welt ist. Die mittelalterliche Geschichte gibt einerseits den Hintergrund zu einem Verständnis des Epos, andererseits kann sie in den geschichtlichen Entwicklungen als Spiegelung dieses Weges verstanden werden und kann damit dem Jugendlichen ein Bild seiner eigenen Entwicklung geben. Durch diese Querverbindungen zum Parzival-Mythos des Mittelalters im literarischen Unterricht thematisiert der Geschichtsunterricht das Problem "Individuum und Gemeinschaft". 12. Klasse Es sind drei große Motive leitend: erstens die Forderung, der Schüler solle einen Überblick über die Weltgeschichte erhalten; zweitens sollen an der Geschichte einzelner Kulturen und Völker exemplarisch "Kulturbiographien" (Kulturen mit einer vollen Entwicklung, abgebrochene, unvollständige, in der Dauer erstarrte) erarbeitet werden; drittens soll ein Verständnis dafür geweckt werden, wie im Laufe der Geschichte der Mensch immer früher in die Selbständigkeit entlassen und seine Weiterentwicklung immer weniger eine Sache äußerer Normen und gesellschaftlicher Konventionen wird, dass er also mehr und mehr in die Freiheit gestellt ist. Mögliche Unterrichtsinhalte: Überblick über die ganze Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte, Menschenrechte, Bürgerrechte, Völkerrecht, aktuelle Entwicklungen, Umbrüche, Zustände und Aufgaben der Völker, gegenwärtige Veränderungen in Europa, Friedenspolitik und so weiter. aus: Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele einer Freien Waldorfschule, T. Richter (Hrsg), Stuttgart 1995
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