Der Erzählstoff in der Waldorfschule - Unterstützendes Element in der Erziehung
Jedes Lebensalter des Kindes hat ein entsprechendes "Lese- und Erzählstoffalter". Rudolf Steiner hat in seinem Lehrplan für die Waldorfschulen auch hierzu Hinweise für die einzelnen Klassen gegeben. Der Stoff entspricht der jeweiligen Entwicklungsphase des Kindes und trägt zu einem gesunden Heranwachsen bei.


 

Das Märchenalter der Kinder entspricht in etwa dem Kindergartenalter: von 4-7 Jahren. Deshalb sind die Märchen der Erzahlstoff für die 1. Klasse. Die Kinder hören sie aber auch noch gern über dieses Alter hinaus. Zum Thema "Märchen" gäbe es viel zu sagen, es seien hier jedoch nur einige wenige, mehr äußerliche Anmerkungen gemacht.

- Am schönsten ist es, wenn die Märchen frei erzählt werden, man möge sich jedoch genau an den Wortlaut halten.

- Wenn Märchen vorgelesen werden, so ebenfalls wortgetreu, die Kinder legen großen Wert darauf.

- Bei der Auswahl von Märchenbüchern sei darauf zu achten, dass es keine gekürzten Fassungen sind oder gar "Nachschöpfungen", denn dadurch werden die wahren Bilder in den Märchen verstümmelt oder verzerrt.

- Märchenbücher benötigen keine gemalten Bilder, die in den herkömmlich angebotenen Büchern - die häufig für wenig Geld zu haben sind - oft so hässlich und kitschig sind. Solche Bilder verhindern das Aufsteigen eigener Bilder in der Seele des Kindes. (Es gibt allerdings auch wunderbare zarte Märchenbücher, die die Phantasiekräfte der Kinder nicht einengen, sondern unterstützen.)

- Märchenschallplatten, -cassetten oder -filme sind nur ein Surrogat, sie können die warme Erzählerstimme keinesfalls ersetzen, sie sind eher schädlich.

- Die Märchen sind ein geistiges Gut, das den Kindern, in rechter Weise vermittelt, moralischen Antrieb geben kann; im Märchen walten charakterbildende Kräfte. Rudolf Meyers "Die Weisheit der deutschen Volksmärchen" sei als Lektüre für die Erwachsenen zu diesem Thema empfohlen.

Im 2. Schuljahr ist die Pflanzen- und Tierfabel sowie die Legende Erzählstoff in der Waldorfschule. Die Fabeln, die immer noch etwas Märchenhaftes haben, bringen Bilder und Gleichnisse an die Kinder heran, die in der Tierschilderung wie bei La Fontaine menschliche Schwächen, Einseitigkeiten, aber auch Stärken an den einzelnen Tieren verdeutlichen. Man kann ja überhaupt im gesamten Tierreich über die einzelnen Tiergattungen verteilt den Menschen in seiner Gesamtheit finden: Der Löwe, der in seiner Raubtierhaftigkeit den Mut verkörpert, aber auch für die besondere Ausgestaltung der Gliedmaßen steht. Die Kuh, die in ihrer Wesenhaftigkeit die Verdauungstätigkeit als Hauptmerkmal hat. Die flinke Maus, der schlaue Fuchs, die geschmeidige Katze, sie alle zeigen im einzelnen, was im Menschen vereint ist.

Dieses Alter mit seinen vielen "Warum"-Fragen will weniger realistische Antworten darauf erhalten als die Gemütsbeziehung zu den Dingen der rätselvollen Umwelt herausfinden. Blumen und Tiere sind dem Kind dieses Alters noch ebenso nahe wie die Mitmenschen; das Blumenpflücken ist eine beseligende Beschäftigung. Die Kinder brauchen gemütvolle Seelennahrung, sie müssen sich das Staunen erhalten dürfen, die Welt des Schönen, der Natur, der Schöpfung in sich aufnehmen. In diesen Jahren geschieht das Entscheidende dafür, dass der Mensch sich innerlich verwurzeln kann, innere Ideale veranlagen kann. Das ist später kaum mehr nachzuholen. J.G. Herder schrieb einmal:
"Die ganze Schöpfung sollte durchgenossen, durchgefühlt, durchgearbeitet werden ... Unendlichkeit umfasst mich, wenn ich, umringt von tausend Proben dieser Art und ergriffen von ihren Gefühlen, Natur, in deinen heiligen Tempel trete."

Etwas von dieser Liebe zu Stein, Pflanze und Tier sollte in diesem Alter im Kinde erweckt werden. Im Spruch "Dank" ist es in wundervoller Weise in Worte gefasst:

Dank
Ich danke dir, du stummer Stein,
Und neige mich zu dir hernieder,
Ich danke dir mein Pflanzensein.
Ich danke euch, Ihr Grund und Flor
Und bücke mich zu euch hernieder,
Ihr halft zum Tiere mir empor.
Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier
Und beuge mich zu euch hernieder,
Ihr halft mir alle drei zu mir.
Wir danken dir, du Menschenkind
Und lassen fromm uns vor dir nieder,
Weil dadurch, dass du bist, wir sind.
Es dankt aus aller Schöpfung Ein-
Und aller Schöpfung Vielfalt wieder,
Im Dank verschlingt sich alles Sein.
(Chr. Morgenstern)

Das 2. Schuljahr ist aber auch die Zeit der Legenden. Da gibt es den Ritter Georg, den St. Martin, Franz von Assisi. Ebenso hören die Kinder gern die Kinheitslegenden Jesu. Die Legenden, Heiligengeschichten, fördern die Veranlagung und Verstärkung eines Gefühls des Verehren-Könnens im Kinde. Wie schwierig ist es doch in der heutigen Zeit für die Kinder, wirkliches Verehren erleben zu können! Welche Gnade, wenn Kinder in früher Kindheit einer verehrungswürdigen Persönlichkeit gegenüberstehen dürfen. Rudolf Steiner sagte einmal dazu, dass ein Mensch, der in seiner Kindheit hätte verehren dürfen, im Alter dazu befähigt werde zu segnen. Ein wahres, tief begründetes Verehren verhindert in späteren Jahren auch das sinnlose Anhimmeln von Idolen, statt ein Verehren von Idealen. Wenn dem Kinde schon nicht die Möglichkeit gegeben sein mag, einem wirklich verehrungswürdigen Menschen zu begegnen, so ist doch das Verehren von Gestalten der Literatur - in diesem Alter aus den Legenden - eine Möglichkeit, diesen Mangel aufzufangen. Rudolf Steiner schildert das Kind dieses Alters folgendermaßen: "Das Kind ist in diesem Alter mit seiner Umgebung noch so verbunden, dass es die Tiere am besten versteht, wenn sie menschlich handeln. Das eben lebt in der Fabel. Legendendarstellungen harmonisieren das am Tier Erlebte durch das, was dem Kinde legendenhaft von dem nach Vollkommenheit strebenden Menschlichen nahegebracht werden kann. Sie sind daher notwendige Ergänzungen zur Tierfabel und Tiergeschichte."Im 3. Schuljahr geben die Geschichten des Alten Testaments den Erzählstoff. In dieser Zeit, in der die Kinder den "Rubicon" überschreiten, wird erstes Interesse an geschichtlichen Motiven geweckt, jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge der Weltgeschichte in Daten, sondern durch das Heranführen der Kinder über die Schöpfungsgeschichte und Zeitereignisse aus dem Alten Testament.

Obwohl die Kinder mit 9 und 10 Jahren meist schon allein und selbständig lesen, ist es immer wieder schön und "gemeinschaftsbildend", wenn Mutter oder Vater vorlesen. Es kann hier auch noch einmal eines der etwas schwierigeren Märchen, wie z.B. die "Schneekönigin" von Andersen, gewählt werden oder einzelne Geschichten aus "Und es ward Licht" von J. Streit oder "Und Gott sprach", dem zusätzlichen Lesebuch der 3. Klasse.

Es sollte bei den Büchern auch nicht nur auf Thema und Motiv geachtet werden, sondern auch auf die Ausstattung durch Bilder und besonders auf die Sprache. Nicht jedes Buch entspricht da den Anforderungen. Rudolf Steiner sagt im "Lehrplan der Freien Waldorfschulen": "Beim Lernen von Gedichten sucht man von jetzt an neben Rhythmus und Melodie der Sprache auch die innere Schönheit des Gedichtes zur Empfindung zu bringen, da das Seelenleben des acht-, neunjährigen Kindes sich verinnerlicht und für solche inneren Schönheiten empfänglich wird."

In der 4. Klasse, dem Lesealter mit Themen aus den Sagen und der Mythologie, ist bei den meisten Kindern der Zeitpunkt erreicht, an dem sie viel lesen. Da muss man als Eltern oder Erzieher schon darauf achten, dass sie nicht zu viel Schund oder sprachlich Schlechtes in die Hände bekommen. In der Schule hören sie die Geschichten aus der Edda, dem alten germanischen Volksepos, das die Schaffung der Welt und die Götterdämmerung schildert. Sie lernen die Götter Thor, Loki, Odin und Freya kennen. Sie leiden mit ihnen, wenn sie gegen die Thursen kämpfen müssen. Sie hören von den 3 Nomen, die am Fuß der Weltesche die Schicksalsfäden spinnen, sie lernen die Midgardschlange und den Fenriswolf kennen. Nachzulesen sind diese Dinge für Eltern und Kinder in Dan Lindhohns "Götterschicksal - Menschenwerden".

Dann hören die Kinder von den Gestalten der alten deutschen Heldensagen: von Siegfried, Gunter, Krimhild, Brunhild, Dietrich von Bern. Sie erleben, wie Schicksal waltet, sie ahnen von der Schuld, die sich die einzelnen Gestalten aufgeladen haben. Sie bangen mit den Helden und leiden bei Siegfrieds Tod und dem an ihm begangenen Verrat. (In der 10. Klasse kommen diese Sagen dann wieder an die Jugendlichen heran, allerdings mit anderer Fragestellung.)

Ebenso lernen die Viertklässler Parzival kennen und die Gralsritter. Und auch zu den letzten beiden Themenkreisen gibt es Bücher, die sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen eine lohnende Lektüre sind. Das sind: "Deutsche Götter- und Heldensagen" von K. Eigl und "Parzival" von Marit Laurin als Nacherzählung des Textes von W. v. Eschenbach.

Vielleicht sei an dieser Stelle noch eine Problematik angesprochen, die Familien mit mehreren Kindern haben, wenn für die Älteren vorgelesen wird. Es lässt sich nicht immer so einrichten, dass die Jüngeren derweil mit anderen Dingen beschäftigt sind. Häufig wollen sie dabei sein und auch zuhören. Welchen Schaden nun kann es anrichten, wenn die Kleinen dem Lesestoff mitlauschen, der noch um Jahre zu früh für sie ist?

Wenn klar gemacht und sogar durch die "Sitzordnung" unterstützt wird, dass nun für die Großen vorgelesen wird, dann können sich die jüngeren Geschwister trotzdem im gemütlichen Kreise der Lesenden geborgen fühlen.

Ein Großteil des Gehörten geht an ihnen vorbei, denn sie können es rein verbal nicht verstehen. Andere Bilder nehmen sie wiederum auf. Da aber deutlich gemacht wurde, dass das Buch nicht für die Kleinen gemeint ist, werden sie es auch so auffassen und möglicherweise bald zum eigenen Spiel zurückkehren, zumal sie sich auf "ihre" Geschichten danach freuen können. Es sollte jedoch streng darauf geachtet werden, dass die Kleinen nicht stören, da die Älteren dadurch dem Zauber der Situation entrissen werden. Und das wäre für die Großen, die ja ohnehin im Familienkreis so oft Rücksicht nehmen müssen auf die Jüngeren, sehr bedauerlich.

Es gibt allerdings durchaus Lektüre - besonders die Sagen, die ja auch manchmal recht kriegerisch sind - die den Kiemen gar nicht zuträglich ist. Die sollte man mit den Großen allein lesen und für die gemeinsame Lektüre anderes auswählen, z. B. die "Bullerbü-Bücher" von A. Lindgren oder "Nils Holgersson" von Selma Lagerlöf.

In der 5. Klasse nun, zu deren Ende viele Kinder das 12. Lebensjahr vollendet haben, wird ein deutlicher Einschnitt bemerkbar. Der Erzählstoff in der Schule umfasst nun die Heldensagen der Griechen, in denen in schicksalsschweren Bildern erzählt wird, was an Motiven in sanfter Dramatik in den Märchen bereits geschildert wurde. So sieht man deutlich, dass das Märchenerzählen ein Anfang war zum stufenweisen Hinführen in den Geschichtsunterricht. Es ist wichtig, dass bis zum Ende des 2. Jahrsiebts die Geschichte immer anhand von einzelnen Menschen behandelt wird. Nicht abstrakte Geschichtsereignisse oder -zusammenhänge, sondern lebensvolle Bilder von Menschen müssen vor das innere Auge des Kindes treten, sonst erlischt das Interesse schnell.

In den Buchständen blickt uns eine Fülle von Kinderbüchern an, die "ab 12 Jahre" gekennzeichnet sind. Es werden unendlich viele Titel für dieses Lesealter angeboten, und wenn man sich an eine qualitative Auswahl hält, können die Bücher den Kindern viel geben. Die Kinder wollen in diesem Alter in der großen Spannungen des Seelischen leben. Darauf ist bei der Auswahl zu achten. Nicht die platten Schilderungen des alltäglichen Lebens mit den künstlich beschriebenen Problemen und äußerlichen Spannungen sind das, was die Kinder in ihrer Entwicklung brauchen, sondern echte Schicksale, z. B. ist "Krabat" von Preußler eins der wirklich empfehlenswerten Bücher.

Im 6. Schuljahr, wenn das Kind in der Schule vom Römertum und vom Mittelalter erfährt, ist als Lesestoff für zu Hause alles das zu empfehlen, was vom Leben einzelner Menschen aus dieser Zeit handelt. Das Mittelalter wird so den Kindern einerseits nahegebracht, und andererseits können sie sich mit den Schicksalen verbinden, Liebe, Freude, aber auch Leid und Tragik der Figuren nachvollziehen. Diese beim Lesen empfundenen tiefen Gefühle wandern sich zu Seelenkräften: aus Mit-Leiden wird Mitleid.

Im 7. Schuljahr, dem Ende des 2. Jahrsiebts, wird im Geschichtsunterricht häufig das 14. bis 16. Jahrhundert behandelt. Das ist das Zeitalter der Erfindungen und Entdeckungen. Die Lebensgänge bedeutender Persönlichkeiten, wie Jeanne d'Arc, Gutenberg, Kolumbus, Luther, Leonardo da Vinci etc. bieten sich als Erzählstoff an. Durch diese Persönlichkeiten kam etwas Neues in die Menschheit, und die Jugendlichen können Anteil nehmen an dem Ringen dieser großen Menschen. In diesem Alter sind gute Biographien zu empfehlen, die das in der Schule Gehörte unterstützen.

In der 8. Klasse kommt der Geschichtsunterricht zu einem gewissen Abschluss. Wichtig ist, dass die jungen Menschen erfahren, wie sehr sich das soziale und politische Leben in den letzten 3 Jahrhunderten aufgrund der Erfindungen und Entdeckungen verändert hat. Die Kinder lernen verstehen, welche Probleme mit den Erfindungen der Neuzeit für die Menschen sozial verbunden waren. Sie hören über die Nutzbarmachung der Naturkräfte und die dadurch für die Menschen gewonnene örtliche Unabhängigkeit. Sie lernen die Probleme der Sklavenbefreiung in Nordamerika, der Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland kennen. Die Themen sollen bis an die Gegenwart heranreichen. Ein Gesichtspunkt ist, dass die Jugendlichen sich Gedanken machen, wie bei der in den letzten Jahrhunderten angestrebten Entwicklung zur Individualisierung durch Persönlichkeitsentfaltung trotzdem ein wirklich soziales Zusammenleben der Menschen ermöglicht werden könnte. Die soziale Frage in Familie, Gemeinde, Volk innerhalb der Erdenvölker soll im Vordergrund stehen. Die Kinder dieser Altersstufe können so an den Geschichtsbildern erleben, wie über eine Frage im öffentlichen Leben die allerverschiedensten Meinungen herrschen können je nach der sozialen Stellung der Menschen, nach dem Umfeld, in dem sie leben.

Diese Aspekte sind durch Lektüre zu Hause gut zu unterstützen, aber man muss nun schon einmal damit rechnen, dass die Jugendlichen, die jetzt in die Oberstufe gehen, auch den Griff ins Bücherregal der Eltern tun, um sich dort etwas herauszusuchen. Schön ist es, wenn sie dann auf die Weltliteratur zurückgreifen können, denn in diesem Alter ist der Übergang zur Erwachsenenliteratur fließend.

R. Bronsema
Mitteilungen der RSS Hamburg-Altona