Fabeln und Legenden - 2. Schuljahr
Wenn man sich als Klassenlehrer während der Sommerferien auf den Erzählstoff vorbereitet, wird einem deutlich, dass es etwas ganz Besonderes, tief Beeindruckendes war, den Kindern Märchen erzählen zu dürfen. Welch eine Fülle von Bildern, welch eine Dramatik, Spannung und Entspannung galt es zu vermitteln, und wie konnte das einen beflügeln! Nun aber wird es darum gehen, die bekannten, so kurzen Fabeln in eine längere, zugleich lebendige, eindrucksvolle, bildhafte Erzählung umzusetzen!


 

Die Legenden von Heiligen, also von Menschen, die bereits einen gewissen Grad von Vollkommenheit erlangt haben, werden dagegen viel leichter wiederzugeben zu sein, da sie bildhafter, auch inhaltlich umfangreicher und vor allem bereits in ähnlicher Form in Büchern zu finden sind.

Um Fabeln erzählen zu können, muss man nun seine Phantasiekräfte aktivieren, Anregungen Steiners aufgreifen, vorbildliche Literatur von Kollegen zu Hilfe nehmen und so den Kindern seelische Gewohnheiten im Gewand der Fabel nahe bringen. Manch interessantes Gespräch mit den Schülern lässt sich gut daran anschließen. Haben sie doch ein feines Gespür für all das, was hierbei an menschlichen Schwächen zum Ausdruck kommen soll, und die bildhafte Korrektur kann von ihnen dabei tief ins Gemüt aufgenommen werden, um später als Gedanke in ihnen aufzuwachen und rechte Wege zu weisen. Trägt man eine Fabel vor, sollte man, wo es angebracht erscheint, immer den Humor durchblitzen lassen! Man denke nur an Reineke Fuchs und seine schlauen Taten. Die Kinder lieben ihn, freuen sich über seine Unbesiegbarkeit, auch wenn er manchmal mit dem gierigen Wolf etwas grausam umgeht.

Beim Erzählen von Legenden, wie z. B. vom Heiligen Franziskus, von der Heiligen Elisabeth usw. entsteht eine viel besinnlichere Stimmung in der Klasse als beim Darstellen einer Fabel. - Viele Kollegen erzählen eine Zeitlang Fabeln, um dann für eine Weile die Legenden eines Heiligen darzustellen. Das kann eine sehr harmonisierende Wirkung haben.

Gehören die Märchen zwar ins erste Schuljahr, so werden die Kinder ihnen auch jetzt noch ihnen ebenso gern lauschen. Da es viele großartige Märchen aus anderen Kulturen gibt, ist nun Gelegenheit, ihnen Kostproben davon zu geben.

Nach wie vor freuen sich die Kinder am Ende des Hauptunterrichtes auf die zu erzählende "Geschichte", aber ich darf wieder "einmal aus der Schule plaudern" und verraten, dass sich auch jeder Klassenlehrer auf diesen Augenblick ganz besonders freut. Warum? Nun, einerseits erzählen wir Lehrer gern, andererseits sind bei der "Geschichte" wohl alle Kinder, auch die sonst unruhigen, ganz Ohr. Zugleich verbindet man sich mit seinen Kindern durch all diese Erzählungen auf eine besonders innige Weise. So erhält der tägliche Abschluss des Unterrichts eine ganz besondere Note.

Helmut Eller