Übergeordnete Aspekte und allgemeine Unterrichtsziele
Der Unterricht umfasst Biologie, eingeschlossen die Umweltkunde; die Paläontologie wird im Rahmen der Geologie innerhalb der Geographie behandelt. Das Anliegen, dem Jugendlichen angemessene Wege zu den Unterrichtsgebieten zu bahnen, hat sich nicht nur im methodischen, sondern auch im Didaktischen zu erweisen. Die Aufgabenstellung hat besonders für die Geologie als Lebenswissenschaft erhebliche Konsequenzen in der Oberstufe. Nicht darum geht es, wie der zu behandelnde Stoff gleichmäßig über die zur Verfügung stehenden Jahre verteilt wird, sondern um die Aufgabe: Was aus der Biologie ist jeweils dienlich, dem Heranwachsenden für sein Selbst- und Weltverständnis zu dienen. Die Schüler sind nicht für das Fach da, sondern das Fach für die Schüler. Mit der Verselbständigung der eigenen Urteilskraft in der seelischen Pubertät erwacht das originäre Erkenntnis- und damit Wissenschaftsbedürfnis, zugleich begleitet von vorerst noch unaussprechbaren Zukunftsidealen in der Suche nach dem eigenen Lebensentwurf. Der Unterricht kann nun beide Bedürfnissen angemessene Nahrung geben: den Einblick und Durchblick in den Qualitätsreichtum der Naturreiche und ihrer Ordnung - und das Aufgreifen der latenten Fragen der Jugendseele (Rudolf Steiner). Der existentiell verbindliche Zugang zur Natur wird dadurch gewonnen, dass in den ersten Oberstufenklassen die Charakteristiken, Regeln und Gesetze des Lebendigen zuerst wieder an der eigenen Seinsweise gewonnen werden. In der 9. und 10. Klasse steht deshalb erneut die Humanbiologie (Biologische Anthropologie) im Vordergrund. Dann werden ab der 11. Klasse von den einfachsten Lebensformen die Stufen der außermenschlichen Lebenswelt behandelt. Hilfreich ist dabei, auch die Historizität der Naturwissenschaften zu beachten. Die Barockzeit tat sich im Nachweis sinnvoller Zweckmäßigkeiten genüge (c. v. Linné). Der Siegeszug der kausalanalytischen Naturwissenschaft des 19./20. Jahrhunderts verfremdete unser Verhältnis zur Biosphäre, die zum Faktenmosaik reduziert wurde, was allein ausbeutendes Herrschaftswissen ergab, aber keinen Verständnisbezug mehr sucht. Die Zerstörung der Lebenswelt ist die unmittelbare Folge. Die Methodik Goethes hingegen stellt den Erscheinungszusammenhang einschließlich des Menschen als angemessene Aufgabe aller biophilen Verständnisverfahren heraus (W. Schad, Goetheanistische Naturwissenschaft I, 9 ff). ... Umweltkunde ist weithin gefordert. Hier wird aber allzu rasch zwischen Organismus und Umwelt unterschieden und damit der Erscheinungszusammenhang schon verbal zertrennt. Die ökologische Katastrophenlage kann nicht durch unveränderte Analytik und daran ethisch erhobene Forderungen gebessert werden, sondern durch den gesamthaften und darin immer ökologischen Blick, den die Biologie in der Schule in erster Linie methodisch zu vermitteln hat. Moralische Forderungen wirken hier immer als Forderungen an andere und bleiben dadurch Selbstberuhigung, Quietiv. Auf die Trennung von biotischen und abiotischen Anteilen im naturganzen ist ebenso wenig Wert zu legen wie auf die künstliche Trennung von anorganischer und organischer Chemie im Chemieunterricht. Die verbindende und darin monistische Wahrnehmung ist überall anzustreben. Mögliche Unterrichtsinhalte: 9. Klasse Bau und Funktion der Sinnesorgane, Anatomie und Physiologie des Knochen- und Muskelsystems, das Skelett im einzelnen und im Überblick, Proportionsvergleiche mit Tierskeletten, Knochenbildung, Gelenktypen und ihre Mechanik, das menschliche Gebiss, Bau und Funktion der Muskulatur, Kehlkopf des Menschen 10. Klasse Herz und Kreislauf, Bau und Funktionsweise des Herzens, Atmungsorgane, Verdauungstrakt, Urogenitalsystem, Nervensystem, das Gehirn, das Rückenmark etc. 11. Klasse Organismus und Zelle, Geschichte und Bau des Mikroskops, Produzenten und Destruenten im Mikro-Bereich, Sexualität und Mortalität, das Problem des Individuellen in der Natur, erste Grundlagen der Embryologie etc. 12. Klasse Botanik: Samenpflanzen, zweikeimblättrige Blütenpflanzen und ihr Aufschluss durch die Goethische Metamorphosenlehre, Ausgewählte Pflanzenfamilien mit wichtigem Formenspektrum, die heimische Vegetation im Jahreslauf, Pflanzengeographisches Grundgesetz und ökologische Bedeutung. Zoologie: Einführung in die Hauptstämme des Tierreiches, die Wirbeltierreihe als zunehmende evolutive Internalisation, Fossilkunde des Menschen, Eingehendere Embryologie des Menschen, Stellung des Menschen in der Welt usw. aus: Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele einer Freien Waldorfschule, Tobias Richter (Hrsg.) Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 1995
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